Sex ohne Gefühle: Der Schlüssel zum Glück oder unnötig kompliziert?

Sex ohne Gefühle: Der Schlüssel zum Glück oder unnötig kompliziert?

von Nala, 23

Bei kaum einem anderen Thema gibt es mehr Vorurteile als bei den Unterschieden zwischen Mann und Frau. Bei kaum einem anderen Thema gibt es mehr Klischees. Und bei kaum einem anderen Thema werden diese mehr erfüllt. Frauen kochen besser. Frauen können nicht einparken. Männer frieren nie. Männer trinken Bier und schauen Fußball. Manche werden jetzt denken: So ein Quatsch. Die anderen (die, die ehrlich sind) werden vielleicht zugeben, dass an den meisten Klischees etwas dran ist.

Ich bin eine Verfechterin der zuletzt genannten Ansicht. Frauen können nun mal nicht Auto fahren. Und Männer sind unordentlich (außer, sie leben nicht mit einer Frau zusammen, die die Klamotten auch unter dem Bett und die Staubberge auch hinter dem Schrank findet). An die Alice-Schwarzer-AnhängerINNEN unter euch: Es gibt auch Ausnahmen. Selbstverständlich. Dennoch bin ich der Meinung, bestimmte Unterschiede zwischen den Geschlechtern lassen sich durchaus verallgemeinern.

Es gibt allerdings einen Unterschied, der zwar gemeinhin als Tatsache gilt, für mich aber DAS unerfüllte Klischee schlechthin ist. Frauen sind kompliziert. Okay, ein bisschen könnte da tatsächlich dran sein. Ich meine allerdings nicht die allgemeine Kompliziertheit, die bei einigen Frauen zu den prägenden Charaktereigenschaften zählt. Ich meine diese ganz bestimmte Kompliziertheit, die mir seit Jahren das Sexleben erschwert. Die „Ihr-Frauen-könnt-keinen-Sex-ohne-Gefühle-haben“-Kompliziertheit, die von den Herren der Schöpfung erfunden wurde. Völlig frei erfunden wurde sie zwar vermutlich nicht, trotzdem hasse ich sie.

Sie ist der Grund dafür, dass mich im Club regelmäßig Blicke treffen der Sorte „Schade, dass ihr Frauen euch immer gleich verliebt, ich hätte gerne unkomplizierten Sex mit dir.“. Diese Blicke stammen von den rücksichtsvollen Männern. Die, die Wert darauf legen, eine Frau nicht unnötig zu verletzen, nur weil sie auf der Suche nach schneller Befriedigung sind. Zu der anderen Sorte gehören die Männer, die Frauen abschleppen und sich kurz nach dem Sex mit dem gleichen Blick aus dem Staub machen, den der umsichtige Männertyp uns schon im Club zugeworfen hat.

Eines musste ich leider mehrfach feststellen. Die „Ihr-Frauen-könnt-keinen-Sex-ohne-Gefühle-haben“-Kompliziertheit ist so in den Köpfen der Männer verankert, dass sie resistent gegen jeglichen Widerstand ist. Egal, mit welchen Blicken ich antworte. Egal, was ich sage. Egal, auf welche Weise auch immer ich versuche, die lodernde Panik in den Augen meines Gegenübers im Keim zu ersticken, wenn er in der abflauenden Erregung nach dem Orgasmus seinen Penis aus mir zieht und ihm klar wird, dass er gerade schon wieder eine von diesen komplizierten Geschichten provoziert hat – es ist vergeblich. Am liebsten würde ich schreien. „Ich WILL doch, dass du wieder gehst!“ Aber das würde mir dann einen mitleidigen Blick einbringen, der so viel aussagen würde wie „Die Arme gesteht es sich noch nicht einmal ein.“.

Im Allgemeinen möchte ich mich gar nicht beschweren. Gerade bei flüchtigen Disko-Bekanntschaften, die sowieso und generell immer besser aussehen, wenn es dunkel ist und ich betrunken bin und die in aller Regel um ein Vielfaches heißer sind, wenn sie den Mund nicht aufmachen (zumindest nicht, um zu sprechen), bin ich oft froh, wenn sie sich direkt nach dem Sex aus dem Staub machen. Klar werden sie anschließend ihren Freunden erzählen, dass es soooo kompliziert mit mir war und mit einem verschwörerischen Blick feststellen, dass es „ja immer so ist“. Kann mir aber egal sein. Ich hatte Sex. Er war unkompliziert. Ich habe mich – natürlich – nicht verliebt. Alles super. Worüber ich mich beschwere sind eher die Situationen, in denen ich guten Sex habe. Losgelösten Sex. Mit Fremden oder Bekannten. Ganz egal. Einfach guten Sex. Und in denen die „Ihr-Frauen-könnt-keinen-Sex-ohne-Gefühle-haben“-Kompliziertheit alles versaut.

Den besten Sex hatte ich bis heute mit Paul. Paul habe ich im Urlaub kennen gelernt und zufällig wohnte er in der selben Stadt. Wir trafen uns ständig und wir hatten bombastischen Sex. Überall und immer. Eine Woche. Zwei. Vielleicht drei. Dann meldete sich Paul immer seltener. An mangelnder Lust konnte es nicht liegen, das merkte ich schon bei der Begrüßung, sobald wir uns doch einmal sahen. Schon bei der ersten Umarmung spürte ich seinen harten Penis und manchmal schafften wir es kaum, die Haustüre hinter uns zu schließen. Es musste also eine andere Ursache haben. Ich sprach ihn darauf an. Natürlich erfolglos. Was hatte ich erwartet? Männer sprechen die Angst vor unserer Kompliziertheit nicht aus. Warum auch, würde ja nichts ändern. Sie ist da und wenn Mann das weiß, kann Mann damit umgehen. Einfach nicht zu oft Sex mit der selben Frau, dann geht Mann nicht das Risiko ein, dass sie sich verliebt. Reden bringt da nichts, das ist eine Charaktereigenschaft. Bei allen Frauen gleich.

Dass auch Paul so dachte, erfuhr ich durch Zufall. Ich sagte ihm, dass ich mich nie in ihn verlieben könnte. Dass er gar nicht mein Typ sei. Dass ich einfach nur harten Sex wollte, unverbindlich, schnell und wann immer ich wollte. Ganz unkompliziert. Überflüssig zu sagen, dass das nichts brachte. Der Kontakt wurde weniger und weniger, bis er ganz einschlief. ICH meldete mich sicher nicht.

Irgendwann nach einigen Jahren im Sommer trafen wir uns wieder. Wir hatten Sex. Großartigen Sex. Er kam in mir, zog sich an und verschwand. Ich blieb zurück, befriedigt und glücklich, nicht kuscheln oder Lobhymnen über seine Sexkünste singen zu müssen. Er ging einfach und es war perfekt. Am nächsten Tag meldete er sich wieder. Und wieder. Und wieder. Wir unterhielten uns nicht viel. Eigentlich hatten wir nur Sex. Irgendwann sprachen wir dann doch miteinander. Wir sprachen offen darüber, warum er damals den Kontakt abgebrochen hatte. Ganz unkompliziert sprachen wir darüber, nicht so ein „Schatz, wir müssen reden“-Gespräch, wie es für Frauen typisch ist. Eher so wie unter Kumpels. Sex-Kumpels. Er gab zu, dass er damals Angst hatte, ich würde mich verlieben. Ich kann verstehen, dass er das dachte. Ich kann auch verstehen, dass er meine Beteuerungen, diese Gefahr bestünde nicht, nicht ernst nahm. Aber trotzdem ist es scheiße. Und es hat mich jahrelang um den besten Sex gebracht.

Wir trafen uns regelmäßig in diesem Sommer. Wir hatten unbeschreiblichen Sex. Dann zog er weg. Bis heute treffen wir uns, wenn einer in der Nähe ist. Ganz unkompliziert. Wir reden nach wie vor nicht viel, was sollten wir auch für Gesprächsthemen haben. Aber irgendwie mag ich ihn. Schon alleine, weil er mir die besten Orgasmen verschafft.

Ich wünsche mir jeden Tag eine Affäre wie Paul. Es ist so viel unkomplizierter, eine Affäre zu haben, mit der es einfach funktioniert. Die man anrufen kann, wenn man Sex will, anstatt sich dauernd mit neuen Typen rumzuärgern. Leider sind die Vorurteile über Frauen in den Köpfen der Männer viel zu fest verankert. Leider werden sie auch immer wieder von einigen von uns propagiert. Deshalb zwei Bitten: (An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass es ausschließlich um die körperliche Lust geht und nicht um die liebevolle Beziehung zwischen Mann und Frau.) Männer, hört auf zu denken, wir verlieben uns sofort in euch, wenn ihr uns einmal vögelt. Und Frauen, hört verdammt noch mal auf, euch sofort zu verlieben, wenn ihr einmal gevögelt werdet!

Mehr News & Trends

Lustblume